Spirit

Hat das Christentum eine Zukunft?


„Ich bin spirituell, aber nicht religiös“ – diesen Unterschied machen viele. Sie bezeichnen sich als spirituell und meinen damit vielleicht, dass sie eine mehr oder weniger intensive Praxis haben, also etwa Yoga, Vipassana, Zen üben. Oder das Tarot legen. Vielleicht meinen sie auch, dass die Existenz von etwas Höherem für sie selbstverständlich ist. Aber mit dem Gott, von dem die Religionen sprechen, hat dieses Höhere nichts zu tun. Denn die etablierten Religionen – das heißt in unseren Breiten vor allem das Christentum, aber auch Islam und Judentum – haben das Vertrauen verspielt, das ihnen jahrhundertelang wie selbstverständlich entgegengebracht wurde. Das hat natürlich seine Gründe. Einer der wichtigsten ist wohl, dass die Kirchen in ihrer Geschichte oft eine sehr unrühmliche Rolle gespielt haben. Kreuzzüge, Hexenverbrennungen, Verfolgung von Ketzern und Andersdenkenden, Religionskriege, die Eroberung Mittel- und Südamerikas mit Feuer und Schwert… die Liste ist schier endlos, so endlos wie die Ströme von Blut und Tränen, die die Kirchen im Lauf der Jahrhunderte verursacht haben. Und die Liste setzt sich fort bin in unsere Tage – die Missbrauchsskandale schreien zum Himmel.

Zum anderen erleben viele Menschen die Kirche als langweilig und irrelevant. Wer sich nach spiritueller Erfahrung sehnt, sucht an allen möglichen Orten – aber ziemlich sicher nicht in der Kirche. Ja, es scheint, als habe sich die ganze spirituelle Entwicklung der letzten dreißig, vierzig Jahre komplett abseits von Kirchen und Christentum abgespielt.

Ich selbst habe lange in verschiedenen evangelischen Kirchengemeinden gearbeitet und den Exodus der Jugendlichen und der mittleren Generation aus Gottesdienst und traditionellen Gemeindeveranstaltungen miterlebt. Sie fanden in der Kirche nicht, was sie suchten. Die, die blieben, dachten und glaubten sehr traditionell. Sie teilten das mythische Gottesbild: Gott, der „über“ allem thront, der auf Gebete reagiert, in den Lauf der Welt eingreift – oder auch nicht, je nachdem. Wunder, das heißt Durchbrechung der Naturgesetze, wurden als möglich angesehen. Man konnte sich zwar nicht so recht vorstellen, wie das zugehen sollte, aber bei Gott ist nichts unmöglich, hieß es dann. Das musste man halt glauben.

Von der modernen Theologie, die ich an der Uni gelernt hatte, war in den Gemeinden bis dato noch kein Hauch angekommen. Diejenigen, die mit dem tradierten, mythischen Gottesbild nichts anfangen konnten, verließen die Gemeinde und glaubten entweder an gar nichts mehr oder suchten anderswo. Ich erinnere mich an einen Yogalehrer, den ich einmal kennen lernte. Er war „gut evangelisch“ aufgewachsen, fand dann aber seinen Weg bei Guru Bhajan. Aus irgendeinem Grund war er noch Mitglied der Evangelischen Akademikerschaft, doch daraus wollte er sich verabschieden. „Wieso soll ich da drin bleiben?“, fragte er mich. „Und wieso soll ich in der Kirche bleiben? Was hat die Kirche mir denn zu bieten?“ Ich war damals nicht gewitzt genug – und nicht selbstbewusst genug –, um zurückzufragen: „Was hast du – und was haben Menschen wie du – denn der Kirche zu bieten?“

Das wäre nicht nur eine billige Retourkutsche gewesen. Es ist ja wirklich eine offene Frage: Haben Menschen, die in anderen religiösen oder spirituellen Gegenden tiefe Erfahrungen gesammelt haben, eine Botschaft für die Kirche? Haben sie ihr etwas zu geben? Könnten sie helfen, ihre festgefahrene Lehre weiter zu entwickeln? Es wäre doch sehr eigenartig, wenn die großen westlichen spirituellen Traditionen auf ein mittelalterliches Welt- und Gottesbild festgelegt wären. Wenn es keine Entwicklung gäbe hin zu einem modernen, postmodernen, integralen und holistischen Verständnis. Wenn das Wesen von Judentum, Christentum und Islam der intolerante, auf Mythen fixierte Monotheismus wäre. Viele haben so ein Bild von den westlichen Religionen. Unfähig, sich zu öffnen. Im Kern fundamentalistisch, verknöchert, leblos. Autoritär und heuchlerisch.

Ich fände es ausgesprochen fatal, wenn das wirklich so wäre. Wenn der christliche Glaube keine Möglichkeit hätte, sich über die traditionell-mythische Stufe hinaus weiterzuentwickeln, eine moderne, postmoderne oder integrale Gestalt anzunehmen. Das würde ja bedeuten, dass die genuin westliche Spiritualität im Grunde vor der Aufklärung abgeschlossen wäre; wer Christ sein wollte, müsste sich auf ein mittelalterliches oder gar antikes Weltbild einlassen, seinen kritischen Verstand an der Kirchentür abgeben und sich auf Denkfiguren einlassen, die rein gar nichts mit seinem sonstigen Leben als moderner oder postmoderner Mensch zu tun hätten. Hätten die großen westlichen Religionen keine Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln, wäre dieser ganze Zweig der menschlichen Bewusstseinsentwicklung letztlich ein Fehlschlag.

Ich habe 2004 die Gedankenwelt von [wikipop language=”de”]Ken Wilber[/wikipop] kennen gelernt, und zwar über sein Buch Mut und Gnade. Ich war sofort Feuer und Flamme und fragte mich: Wieso habe ich davon in meiner Kirche noch nie etwas gehört? Kein Mensch schien diese aufregenden integralen Ideen zu kennen. Doch das gleiche galt auch umgekehrt: Auch die integrale Bewegung hatte mit den etablierten westlichen Religionen lange Zeit nichts am Hut. Ken Wilber bezieht sich in seinen früheren Büchern ausschließlich auf Buddhismus und Hinduismus, das Christentum kommt bei ihm lange Zeit als ernstzunehmende spirituelle Größe überhaupt nicht vor. Doch inzwischen hat sich das geändert. Christliche und jüdische Meister wie Thomas Keating, Marc Gafni, David Steindl-Rast oder Richard Rohr lehren am Integral Institute und Ken Wilber selbst hat mit Thomas Keating, einem Trappistenmönch, eine DVD mit dem Titel The Future of Christianity herausgebracht. Und vor wenigen Tagen begann ein Online-Kurs von IntegralLife mit dem Titel Coming Home, in dem ein integral informiertes Christentum vorgestellt wird.

Und auch unter den Christen rumort es. Viele sind auf der Suche nach einer moderneren Gestalt ihres Glaubens. Ein Ausdruck dieser Suche und ein Versuch, die Entwicklungslinie der abendländischen spirituellen Tradition in den integralen Bereich hinauszuziehen, ist das Buch Gott 9.0 – Wohin unsere Gesellschaft spirituell wachsen wird. Es ist eine Einführung in das evolutionäre spirituelle Denken, die auf den Erkenntnissen von Ken Wilber und auf dem System von [wikipop language=”de”]Spiral Dynamics[/wikipop] aufbaut. Oder, anders gesagt, die Anwendung des integralen Ansatzes auf das Christentum. Die Reaktionen auf dieses Buch sind erstaunlich und erfreulich: Viele Theologinnen und Theologen, viele in der Kirche (immer noch) engagierte Menschen schreiben dem Autorenteam und sind entzückt oder entflammt. Man kann sicher noch lange nicht von einer Bewegung sprechen. Aber man merkt: Es gibt in den Kirchen ein großes Potenzial an Menschen, die bereit sind, endlich die traditionell-mythische Wagenburg des Christentums zu verlassen und sich auf den Weg zu machen, neue Wege zu gehen und neue Felder zu bestellen.

Denn natürlich kann sich auch das Gottesbild der Christen entwickeln. Bereits die Bibel dokumentiert ja eine Entwicklung im Gottesbild von dem archaischen, herrschsüchtigen Gott in manchen Erzählungen des Ersten Testaments hin zu dem liebenden Vater, von dem Jesus spricht. In den Kategorien von Spiral Dynamics – ein System, das die Evolution des Individuums ebenso wie die der Menschheit in bestimmten beschreibbaren Stufen darstellt, die mit Farben gekennzeichnet werden – lässt sich diese Entwicklung so beschreiben:

Beige
Die Entwicklungsstufe des ersten Homo sapiens, der sich gerade von den Affen losgelöst hat, oder die Stufe des Neugeborenen. Es geht ums pure Überleben. Gottesbild: Gott ist Quelle und Ursprung des Lebens, nährende Mutterbrust, noch keine Differenzierung von der Allmutter Natur. Jesusbild: Das neugeborene Baby, nackt und gefährdet.

Purpur
Archaisch-magische Entwicklungsstufe. Alles ist belebt bzw. beseelt (Animismus), es gibt gute und böse Geister, auf die mit den passenden magischen Ritualen Einfluss genommen werden kann. Lebenswichtig ist der Zusammenhalt im Clan. Gottesbild: der Stammesgott, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Jesusbild: der Wundertäter, der Kranke heilt, übers Wasser geht und Brot vermehrt.

Rot
Bewusstseinsstufe der Heldensagen: Nibelungen, Ilias und Odyssee. Es geht um Macht, Eroberung, Kriegszüge. Gottesbild: der Kriegsgott, der Israel hilft, das Land zu erobern und befiehlt, die Gegner mit Mann und Maus auszurotten. Jesusbild: der Exorzist, der mit dem Satan kämpft, aber auch der, der Familienbande zerreißt um eines höheren Ziels willen.

Blau
Bewusstseinsstufe der großen Weltreiche und Weltreligionen. Gesetz, höhere Ordnung, Moral, Gewissen, Sünde und Erlösung, hierarchische Organisation sind wesentliche Elemente. Gottesbild: Gott ist der Einzige und Allmächtige, der höchste König und Gesetzgeber, der strenge Richter. Jesusbild: der Rabbi, der das Gesetz nicht abschafft, sondern erfüllt, der Erlöser von Sünde und Tod.
Bis hierhin ist alles vertraut. So kennen wir den christlichen Gott. Und für viele bleibt es dabei stehen. Aber natürlich geht die Entwicklung weiter.

Orange
Rationale Bewusstseinsstufe, Zeitalter der Moderne. Vorgegebene Autoritäten werden kritisch hinterfragt. Persönlicher Erfolg, Leistung und Freiheit spielen eine zentrale Rolle. Wissenschaft und Technik blühen auf. Gottesbild: Alles Übernatürliche wird kritisch hinterfragt, bis hin zu der Aussage: „Gott ist tot.“ Wer Gott nicht aufgeben kann oder will, sucht nicht mehr außen, sondern im Inneren. Erste Hinwendung zu Meditation und Mystik. Jesusbild: Jesus wird als guter Mensch gesehen, als Revolutionär oder Morallehrer, oder als der herrliche Sieger, zu dem man ein persönliches Verhältnis von Verehrung und Nachfolge aufbaut.

Grün
Pluralistische Bewusstseinsstufe, Postmoderne. Nun zählt Konsens statt Konkurrenz, die Ausgegrenzten und Benachteiligten werden einbezogen, Gleichberechtigung wird zum wichtigen Thema. Umweltbewusstsein entsteht, die Dominanz von Wissenschaft und Technik wird infrage gestellt. Psychologie und Psychotherapie erleben einen Boom. Gottesbild: der menschenfreundliche, mütterliche Gott/Göttin, alle Religionen verehren denselben Gott, wenn auch auf unterschiedliche Weise. Jesusbild: der Freund der Frauen und Kinder, der sanfte Jesus, der auch interreligiös vermittelbare Friedensstifter.

Gelb
Das integrale Bewusstsein. Komplexe Zusammenschau unterschiedlicher Bewusstseinsinhalte. Paradoxien werden nicht nur ausgehalten, sondern geliebt. Gelb entwickelt als erste von allen Bewusstseinsstufen ein Verständnis für die Besonderheit und den unersetzlichen Wert aller vorangegangenen Stufen. Gottesbild: Neues Verständnis für die paradoxen Gottesaussagen wie die Trinität (Gott ist drei in eins). Jesusbild: In Jesus, dem Christus vereinigen sich auf paradoxe Weise das göttliche Wesen (der kosmische Christus) und der Mensch an sich.

Türkis
Das holistische Bewusstsein. Alles hängt untrennbar mit allem zusammen, jeder Teil beinhaltet das Ganze. Multiperspektivisch, fraktal. Weltethos, interkontinental vernetzte, virtuelle Gemeinschaften. Gottesbild: Gott als pulsierender Prozess, der die Evolution von der Zukunft her anzieht, Gott als Poet der Welt. Jesusbild: der kosmische Christus, Christus in jedem Menschen, Jesus als Modell für die Gott-Menschlichkeit jedes Menschen.

Koralle
Noch unbekannte neue Stufe: Gott ist unser Werdenkönnen.

 

 

So gesehen, hat das Christentum durchaus eine Zukunft. Wenn die Christen es schaffen, aus dem Gehäuse ihres blauen Gottesbildes auszubrechen und sich für die Entwicklung ihres Bildes von Gott und Welt zu öffnen, können sie sogar ihre Rolle als Motor des Bewusstseinswandels einnehmen, als Förderband dienen, auf dem die Gesellschaft zu höheren Bewusstseinsstufen getragen wird (so die Hoffnung von Ken Wilber).
Das ist keineswegs undenkbar. Denn auch wenn es vielen so scheint: In den Kirchen herrscht nicht uneingeschränkt nur das blaue Gottesbild. Die Mystiker haben es schon im Mittelalter vorgemacht. [wikipop language=”de”]Meister Eckhart[/wikipop] etwa, [wikipop language=”de”]Nikolaus von Kues[/wikipop], [wikipop language=”de”]Teresa von Avila[/wikipop] oder [wikipop language=”de”]Johannes vom Kreuz[/wikipop] beschreiben Erfahrungen, die uns heute immer noch unmittelbar ansprechen können und die denen der östlichen Weisen und Mystiker durchaus ähneln. Doch auch die wissenschaftliche Theologie hat schon seit der Mitte des vergangenen Jahrhunderts den Mythos verabschiedet. Die Bibel gilt nicht mehr (blau) als unhinterfragbare Autorität, sondern (orange) als Glaubens- und Erfahrungszeugnis von Menschen, das behandelt werden kann (und muss) wie jedes andere literarische Dokument. Für moderne Theologinnen und Theologen thront Gott nicht über der Welt, sondern er ist die Tiefe der Wirklichkeit. Die Schöpfung fand nicht in sieben Tagen am Anfang statt, sondern sie vollzieht sich täglich und in jeder Millisekunde, denn Gott ist die lebendige Kraft der Evolution, er wirkt als das kosmische Prinzip des Eros – und ist doch immer auch noch mehr. Er ist nicht (nur) in den Weiten des Kosmos zu finden, sondern auch in der Tiefe der menschlichen Seele. Und das Christentum ist nicht mehr der eine und einzige Weg zum Heil, sondern ein Weg neben anderen Wegen, die letztlich zum selben Ziel führen: der Vereinigung von Gott und Mensch (gelb).

Es ist ungeheuer wichtig, dass die etablierten Religionen diese Entwicklungen in ihrer Mitte wahrnehmen. Nicht nur, weil sie sonst wahrscheinlich wirklich bald aussterben wie einst die Dinosaurier. Sondern weil es immer mehr Menschen gibt, die nach neuen Bildern von Gott hungern. Und wer, wenn nicht die Kirchen, hätte in unseren Breiten den Auftrag, diesen Hunger zu stillen? Und zwar mit nahrhafter und gut verdaulicher Speise, nicht mit den alten harten Brotkanten der herkömmlichen Glaubenssysteme. Der Mythos ist wichtig als Grundlage; jeder Mensch wird, wie Ken Wilber immer wieder betont, in Beige geboren, und die biblischen Mythen sind in einer bestimmten Phase der Entwicklung gut und angebracht. Doch die meisten Menschen in unserem Kulturkreis entwickeln sich heute weit über Blau hinaus nach Orange, Grün und Gelb. Da muss die Religion mithalten können. Und sie kann es. Wenn sie sich auf den Wandel einlässt.


3 Kommentare on Hat das Christentum eine Zukunft?

  1. INGO HANKE

    SEHR GEEHRTER HERR HABERER!

    ICH HABE MICH SEHR ÜBER IHREN ARTIKEL GEFREUT, WEIL ER TREFFEND DIE SPIRITUELLE SITUATION IN DER KIRCHE AUSDRÜCKT.
    ICH BIN SELBER EVANGELISCHER PFARRER, DER IN DER KATHOLISCHEN ERWACHSENENBILDUNG IN LUXEMBURG TÄTIG IST,
    UND IMMER WIEDER DIE MÖGLICHKEIT HAT, AUF DAS FRUCHTBARE UND DYNAMISCHE ERBE DER CHRISTLICHEN SPIRITUALITÄT ZU VERWEISEN. DER HUNGER NACH ERELEBTER TRANSZENDENZ ERSCHEINT MIR GRENZENLOS.
    GLEICHZEITIG ERLEBE ICH, DASS EIN OFFENER INTERRELIGIÖSER DIALOG – IN DIESEM BEREICH BIN ICH IN LUXEMBURG VIEL TÄTIG – DAS POTENTIAL ZUR GEBURT EINES DIE GRENZEN DER RELIGIONEN ÜBERSCHREITENDEN GEWAHRSEINS BEITRAGEN KANN.
    AUF JEDEN FALL BEGLÜCKWÜNSCHE ICH SIE ZU IHREM BUCH,
    MIT DEM SIE DAZU BEITRAGEN, DASS DIE TRANSFORMATIVEN KRÄFTE EINES CHRISTLICHEN WEGES FREIGELEGT WERDEN KÖNNEN. DAS IST IM ÜBRIGEN WOHL DIE BLEIBENDE AUFGABE ALLER RELIGIONEN.

    HERZLICHE GRÜSSE

    IINGO HANKE

  2. freemind

    Sehr schöner Artikel. werde das Buch noch lesen. Ich habe selbst erst kürzlich eine christliche Gemeinde verlassen müssen, weil ich sonst nicht mehr ehrlich mir selbst gegenüber sein könnte.
    Mein tiefer Wunsch ist aber auch genau dies: Die Liebe zu dem Christus zu leben und gleichzeitig die Transzendenz anzuerkennen und sorgfältig und vor allem gegenwärtig mit dem umzugehen, was sich uns heute als Welt offenbart.

  3. Dr. Veronika Rampold

    Kirche, du hast eine sehr wichtige Aufgabe gerade jetzt: befreie die Tränen, das reinste aller Wasser, aus der Verbannung in die “Anomalität”! Wann könnte ein Mensch authentischer sein, als während er weint?
    Wenn heute jemand im Gottesdienst weint, denken die Nachbarn in der Kirchenbank nicht etwa “Gott ist nahe, hier bereut jemand seine Sünden” wie man es noch um 1900 gedacht hätte … sondern sie denken: “die ist krank”, und es kann sogar vorkommen, daß man Tabletten angeboten kriegt!
    Ich lernte früh, daß Gott nix gegen Tränen hat, daß Er sie sogar mag, und entsprechend weinte ich in der Kirche, wenn mich die Gefühle überwältigten, teils war es Reue über meine Sünden (die waren objektiv gesehen winzig, denn ich war nur ein Kind und ein gutwilliges dazu; der alte Katholizismus, den ich erlernt hatte, bauschte jede Kleinigkeit zur Beleidigung Gottes auf, aber gottlob konnte man sowas durch Reuetränen abwaschen) und teils pure Begeisterung. Das tat ich als Jugendliche auch noch. Bis eines Tages jemand hinging – nein, kein ungläubiger Mensch, der die traditionelle Auffassung über Tränen vor Gottes Angesicht nicht kennt, sondern die Pfarrhaushälterin persönlich! – und vor versammelter Gruppe (ich war damals im Neokatechumenat gelandet, leider) behauptete, das seien “Auftritte” und ich würde “Theater spielen!”
    D.h., sie beschuldigte mich der Heuchelei gerade in den ehrlichsten Momenten meines ohnehin grundehrlichen Lebens, der heuchelei vor Gottes Angesicht!
    Ein Jahr später war ich innerlich und fünf Jahre später auch formell aus der Katholischen Kirche ausgetreten. Und Gott hat Glück, daß ich nicht in der Lage war, Atheistin zu werden… ich war so verzweifelt, daß ich das tatsächlich versucht habe. aber ich hätte den Verstand verloren auf diesem Irrweg, und so wandere ich seither einsam wie Abraham durch die Randbezirke aller Religionen und gehöre nirgends mehr dazu… außer zu Gott selbst.
    Denn Jesus war genauso allein, drum glaube ich, er ist auf meiner Seite.

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