Stille Meditation

Achtsamkeit – Definition


Foto: aboutpixel.de Meditation. © Johanna Fecke

In der Umgangssprache wird “Achtsamkeit” gewöhnlich kaum je von “Aufmerksamkeit” unterschieden. Alltagspsychologisch ist dort mit beiden Begriffen zumeist eine erhöhte und dabei meist auch absichtliche oder “bewusste” und dann gezielt gelenkte und kontrollierte, ansonsten aber die übliche, gewöhnliche, also normale Aufmerksamkeit gemeint, wie sie zB. beim scharfen Beobachten, wachen Aufpassen oder gewöhnlichen “Achtgeben” nötig ist.

Allerdings ist schon diese selbstbestimmte und selbstgesteuerte Aufmerksamkeitsleistung recht bemerkenswert; denn sie geht mit “höherer” Wahrnehmungsbereitschaft einher und meist auch mit einer besseren Selbst- und Fremdbeobachtung. Die wiederum ermöglicht eine “selbstbewusstere” und umsichtigere Willensbildung, eine realitätsgerechtere Selbststeuerung sowie ein schnelleres, flexibleres, einer Situation eventuell auch angemesseneres und “bewusstes” Handeln, das selbstbewusste Menschen gegenüber sämtlichen anderen reflexhaft reagierenden Lebenwesen auszeichnet.

Wie in der Wikipedia hier von mir beschrieben und mit Einzelnachweisen unterlegt finden sich in der buddhistischen Literatur dagegen viele Angaben (v.a. im Kapitel über “Achtsamkeit und Konzentration” des Buches Die Praxis der Achtsamkeit von Henepola Gunaratana), die zeigen, dass es eine Aufmerksamkeitseinstellung gibt, die breiter oder weiter, offener und “umfassender” ist als die gewöhnliche oder übliche allgemein bekannte Aufmerksamkeitshaltung. (Siehe dazu Sati in den Pali Lehrreden von Analayo und dort bes. “1. Sati und geistige Weite”, desweiteren die detaillierten psychologischen Erläuterungen in dem Buch des Bewusstseinsforschers Charles Tart, das hier angezeigt wird, oder den kürzeren Überblick hier von Akincano Marc Weber)

Danach sind zwei prinzipiell unterschiedliche Aufmerksamkeitseinstellungen voneinander zu unterscheiden:

– auf der einen Seite gibt es die übliche, dh. eingeübte oder gewöhnliche, also zur Gewohnheit gewordene und mehr oder weniger konzentrierte Aufmerksamkeit mit ihrem entsprechend eng begrenzten Fokus. (Charles Tart charakterisiert diese gewöhnliche Aufmerksamkeitseinstellung in seinem schon genannten Buch als “Trance” und nennt sie daher “Alltagstrance”, um sie von höhergradigen Trancephänomenen wie zB. der somnambulen Trance zu unterscheinden.)

– auf der anderen Seite steht die dazu gegenpolige Aufmerksamkeitseinstellung, die gänzlich unbeschränkt oder unbegrenzt und damit von vollständig weiter, gänzlich offener Art ist, eine Aufmerksamkeitshaltung, die naheliegt, als grenzenlose Achtsamkeit zu bezeichnen.

Akincano M. Weber kennt für diese, das gesamte “Panorama” der realen Wahrnehmungsfülle umfassende Aufmerksamkeitseinstellung die Bezeichnungen “Geistesgegenwart” und “Gewahrsein”. Besonders der erste Begriff legt wegen seiner schillernden Bedeutung in der Alltagssprache allerdings noch andere Assoziationen nahe, so dass für das Gemeinte vielleicht der eher selten gebrauchte Begriff “Gewahrsamkeit” geeigneter wäre. Am treffendsten erscheint mir aber die Bezeichnung von Chögyam Trungpa, der diese Aufmerksamkeitshaltung wie in meinem o.a. Wikipedia-Beitrag erwähnt “Panormabewusstheit” genannt hat.

In der Sommerausgabe 2008 des Magazins Connection-Spirit habe ich mich bemüht, den Unterschied zwischen diesen beiden “geistigen” Haltungen zu erläutern. Das hier Skizzerte habe ich etwas ausführlicher dargestellt in meinen Beitrag “Panoramabewusstheit” – fact or fiction? – Bekanntes und Unbekanntes zur Psychologie des Achtgebens.” zu dem von Harald Piron und Renaud van Quekelberghe herausgegebenen Sammelband Achtsamkeit, Heilung, Selbsterkenntnis., Band 1 der Reihe Meditation und Yoga. Klotz, Eschborn und Sich-Verlagsgruppe, Magdeburg 2010, S. 187-194.


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