Stille Meditation

Achtsamkeit – Einführung


Foto: aboutpixel.de ooomg © Sergei Brehm

“Achtsamkeit” ist ein Begriff unserer Alltagssprache, der harmlos aussieht. Er steht für die Fähigkeit zur Ausübung von Aktivitäten wie achthaben oder achtgeben, beachten und beobachten, sich in acht nehmen, außer acht lassen bis hin zu achten, hochachten und Achtung erweisen oder zollen.

In den letzten Jahrzehnte ist dem Wort “Achtsamkeit” jedoch ein Nimbus zugewachsen, als handle es sich dabei um anderes oder mehr oder vielleicht sogar um weit Bedeutenderes als die gewöhnliche Fähigkeit, wie etwa in der Schule auf etwas aufzupassen.

Aus psychologischer Perspektive ist diese schleichende Bedeutungsverschiebung interessant; denn seitdem werden der Aufmerksamkeitsleistung in Form von “Achtsamkeit” auch mehr und weiterreichende Auswirkungen zugeschrieben als bloßer Aufmerksamkeit oder Konzentration. Dabei besteht achtgeben und sich zu konzentrieren an sich nur darin, seine Aufmerksamkeit absichtlich auf etwas oder jemanden auszurichten oder zu fokussieren – oder psychologisch genauer: sich einer Sache oder Person aufmerksam zuzuwenden!

Hintergrund und Einzelheiten dieser Entwicklung wird in dem Wikipedia-Eintrag zum Stichwort “Achtsamkeit” recht informativ dargestellt.

Hier möchte ich das Thema “Achtsamkeit” auch wegen seiner Aktualität aufgreifen. 2008 ist hierzulande nämlich ein Buch mit dem Aufsehen erregenden Titel Die Achtsamkeitsrevolution 1 erschienen. Im August 2011 fand in Hamburg sogar ein Internationaler Kongress Achtsamkeit statt, dem im Jahr davor in Berlin schon der ähnlich ausgerichtete Kongress Meditation und Wissenschaft vorausgegangen war.

Hier könnte es sich realiter um Anzeichen einer bis in die Wissenschaft reichenden Bewusstseinsrevolution handeln!

Die Achtsamkeits- oder Einsichtsmeditation – auch Achtsamkeitspraxis oder Vipassana genannt – stellt im Buddhismus immerhin seit 2500 Jahren die zentrale Geistestechnik dar, mit der Wundervolles, ja Wunderbares erreicht werden können soll: “Erleuchtung” sowie “Befreiung” vom Leiden.

Dann aber muss mit “Achtsamkeit” zumindest im Buddhismus weit mehr gemeint sein als schlichte Aufmerksamkeit, wie wir sie alle kennen.

An dieser Stelle macht sich nachteilig bemerkbar, dass es in der westlichen Psychologie an genauer Kenntnis unserer Fähigkeit zur “Aufmerksamkeit” fehlt, also aufzumerken und achtzugeben. Andererseits sind hier auch die psychologischen Kenntnisse aus der langen Tradition des Buddhismus wenig bekannt. Deswegen ist der Hinweis nötig, dass Buddhisten das Wort “Achtsamkeit” ohne Rücksicht auf seine gewöhnliche Verwendung und übliche Bedeutung im Deutschen und eher aus Verlegenheit als Entsprechung für ihren zentralen Begriff “sati” verwenden.

Es gibt nämlich in unserer Umgangssprache keinen Begriff mit einer Bedeutung, die der von “sati” auch nur nahe kommt, so weit reicht diese über das gewöhnliche Verständnis von Aufmerksamkeit und Achtsamkeit hinaus. (Im Englischen wird “sati” mit dem Kunstbegriff “mindfulness” wiedergegeben, der weit mehr anklingen lässt.) Das Gemeinte wird deswegen immer wieder auch mit anderen Begriffen oder Ausdrücken anzudeuten versucht wie z.B. Geistesgegenwart, Gewahrsamkeit oder Gewahrsein, reine Aufmerksamkeit, treffliche Achtsamkeit, klares Bewusstsein, offene Weite, Panoramabewusstheit, wenn nicht gleich bildhafte Umschreibungen gewählt werden wie die von einem “Zustand, in dem der Geist weit ist wie das Firmament.”

“Achtsamkeit” ist aber das Wort geblieben, was in diesem Zusammenhang am häufigsten Verwendung findet. Es steht somit an, das genauer zu bestimmen, was mit “Achtsamkeit” i.S.v. “sati” gemeint ist.

Diese Aufgabe ist lohnend. Das möchte ich in weiteren Beiträgen zeigen, aus psychologischer Perspektive vertiefen und gemeinsam diskutieren. Denn dabei wird erkennbar, dass es möglich ist, in präzis angebbaren Schritten den besonderen Aufmerksamkeitszustand, der mit Achtsamkeit bzw. sati gemeint ist, gezielt zu entwickeln und einzutrainieren. Hierauf baut das Achtsamkeits-Entwicklungs-Trainings (AET) auf, das ich bereits seit einigen Jahren mit Erfolg durchführe.

 

  1. Der Originaltitel des 2006 erschienenen Buches von Alan Wallace lautet allerdings anders, nämlich The Attention-Revolution. Der deutsche Titel müsste demnach eigentlich “Die Aufmerksamkeits-Revolution” heißen. Im Untertitel der Übersetzung ist denn auch richtig nur von Konzentration und nicht von der dazu genau genommen gegensätzlichen Achtsamkeit die Rede, wenn dort dazu aufgefordert wird “Aktivieren Sie die Kraft der Konzentration”!

1 Kommentar on Achtsamkeit – Einführung

Comments are closed.