Gemeinsam

Mono-Poly-Beziehungen


Wunschvorstellungen und Lebenswirklichkeit _ Die Kultivierung der exklusiven Liebesbeziehung steht im Spannungsfeld zwischen romantisch motivierter Leidenschaft und Besitzansprüchen. Ein kritischer Blick auf die Mechanismen, die uns monogame Verhaltensweisen beibringen, wirft komplexe Fragen auf.

Polyamorie auf dem Denkmal - Bildquelle: Douglas Stebila (cc) BY-NC

«Jede Ehe ist ein blind date, bei dem man sich nach den Alternativen zu einem blind date fragt.» Dies schreibt Adam Phillips in seinem Büchlein «Monogamie … aber drei sind ein Paar». Es gibt folglich nicht nur alternative Banken, sondern auch  die phantasierten – und selten gelebten – Alternativen zur konventionell angelegten Beziehung. Provokativ möchte ich ergänzen: Monogamie ist eine Utopie. Und: Monogamie ist eine historisch gewachsene Beziehungsform und nicht naturgegebenen, wie oft behauptet wird.

Bilder des romantischen Beziehungsglücks oder -unglücks, Variationen von Romeo und Julia, begegnen wir täglich, in Filmen und Liedtexten, im Theater und im Werbespot. Allerdings ist die Kluft zwischen dem, was sich im Alltagsleben tatsächlich ereignet und dem, was wir uns vorstellen, meist ziemlich gross und ernüchternd. Egal ob wir in einer Beziehung oder als Single leben. Die Frustrationen, die aus dieser Differenz zum gewünschten Idealbild entstehen, sind riesig. Eine kritische Begutachtung des angestrebten Glücks ist deshalb notwendig.

Die Vorstellung, dass wir «eine zweite Hälfte» brauchen, damit wir selber ein Ganzes werden, findet sich als Bild schon in der griechischen Mythologie. Die verrückte Idee, dass diese «andere Hälfte» ein Leben lang die gleiche Person sein muss, ist allerdings ein Phänomen aus der Neuzeit, das sich ursprünglich nur der Adel leisten konnte.

Heute gehen wir davon aus, dass Menschen in serieller Monogamie leben, der Begriff des «Lebensabschnittspartners» hat sich eingebürgert. Auch die Idee der heterosexuellen Norm wird nur noch als eine von verschiedenen Möglichkeiten reflektiert. Und doch hält sich in unseren Breitengraden die Fixierung auf das monogame Glücks erstaunlich hartnäckig. Die Idee der einen grossen «love for ever» hat eine unglaubliche Kraft und lässt uns hoffen, dass selbst der Tod ihr nichts anhaben kann: «auf ewig dein und nur dein …».

Wenn die Leidenschaft im Sinne von Hingabe für eine Person entflammt, ist das durchaus ein wunderbares Erlebnis, insbesondere, wenn die Gefühle auf Gegenseitigkeit beruhen. Das Problem aber entsteht, wenn wir erwarten, dass sich diese Intensität nun einfach für immer fortsetzt und von nichts beeinflusst wird, nicht von individuellen Veränderungen und auch nicht von neuen Begegnungen, welche das Leben mit sich bringt. «Ein Teil dieses Mythos besteht im Glauben, dass man, wenn man wirklich verliebt ist, automatisch jegliches Interesse an anderen verlieren wird und folglich nicht wirklich verliebt sei, wenn man sexuelle oder romantische Gefühle jemand anderem ausser dem Partner gegenüber hat.» Dieses Zitat – hier ins Deutsche übersetzt – stammt aus dem Buch «The Ethical Slut. A Practical Guide to Polyamory, Open Relationsships & Other Adventures».

Sofern wir von Exklusivität ausgehen – und Exklusivität ist ja genau das Kennzeichen von Monogamie – gibt es immer die Möglichkeit zu Verrat und Untreue. Das «wir», welches sich in einer Paarbeziehung bildet, lässt wenig Spielraum offen. Peter Schellenbaum schreibt in «Das Nein in der Liebe»: «Der heutige Romeo und die heutige Julia scheitern nicht mehr am Widerstand ihrer verfeindeten Familien, sondern – nach einer Phase innigster Verschmelzung – am eigenen Widerstand, dem Du im konkreten Alltag ein Lebensrecht einzuräumen. Nach dem grossen Ja zur Verschmelzung scheitern sie am grossen Nein gegen die gemeinsame Wandlung.»

Die Frage ist, ob Leidenschaft möglich ist und wie, wenn wir diese Abgrenzung und das Trennende nicht verdrängen. Ist der Gedanke vergleichbar mit unserer Mühe, die Sterblichkeit im Leben mitzudenken, und nicht so zu tun, als ob wir unsterblich wären? Führt das zu einem intensiveren Leben oder zu einer ständigen Melancholie? Vielleicht ist es ja beides: Wenn wir uns an der Realität orientieren, sind wir dem Leben näher verbunden. Illusionen führen früher oder später zu buchstäblichen Ent-täuschungen.

Die Idee der konventionellen Ehe, in der mit Gottes Segen ewige Treue geschworen und eingehalten wird, kann schnell zur Lebenslüge werden. Das beweisen die hohen Scheidungsraten und unzählige heimlich geführte Liebesaffären. Die Erlaubnis zum Sex innerhalb der Ehe führt schnell auch zum Sex-Zwang – die Vergewaltigung in der Ehe ist in der Schweiz erst seit 1992 strafbar. Trotz solcher Einwände wird weiterhin die Idee eines monogamen Lebens zelebriert, die Mehrheit bezweifelt, dass eine Alternative erprobenswert wäre.

Und doch geniesst das Thema Polyamorie – wie man die Liebe zu mehr als einem Menschen auch nennen kann – immer mehr öffentliche Aufmerksamkeit und andeutungsweise auch Akzeptanz. Schaut man sich unter den entsprechenden Publikationen um, kann man sogar von einer Polyamorie-Bewegung sprechen. Das Thema löst gleichzeitig Ängste und Interesse aus: Viele Menschen wollen zumindest darüber nachdenken und reden. Oft wird Polyamorie mit promiskem Sex verwechselt, oder mit Polygamie. Doch es geht nicht zwingend um mehrere sexuelle Beziehungen, sondern um die Kultivierung mehrerer Liebesbeziehungen. Ein Hauptanliegen der Bewegung ist die «Beziehungsethik», die Verhaltensweisen zur Vermeidung unnötiger Verletzungen thematisiert. Für ein liebevolles polyamores Verhalten ist ein solides Verantwortungsbewusstsein unumgänglich. Achtung vor sich und den Anderen und Respekt vor den Grenzen des individuell möglichen, sind unerlässlich. Sonst geraten wir in die Nähe von bereits verstaubten Beziehungsideen der 1968-er-Generation, welche unter dem Schlagwort «freie Liebe» das zum Teil wahllose Vögeln einiger selbstverliebter Männer mit leidenschaftsbereiten Frauen ermöglichte, die hierfür brav ihre Antibabypille schluckten, um die Folgenlosigkeit des Vergnügens zu gewährleisten.

Schliesslich ist zu beachten, was Adam Philips in seinem Buch «Monogamie» sagt: «Über Monogamie zu schreiben ist dasselbe wie über sexuelle Perversionen zu schreiben. Eine Frage des Tons. Der Inhalt ist oft Vernebelung. Wir sollten, beispielsweise, nicht fragen: Hat der Autor recht? Sondern: Ist er verbittert? Und wenn ja, worüber eigentlich? Nicht: woran glaubt sie, sondern: Wovor hat sie Angst?»

Das Thema wirft viele Fragen auf, die noch zu beantworten sind. Denn letztlich gibt es nicht entweder Monogamie oder Polyamorie – das ist zu einseitig gedacht. Jede Beziehungssituation ist anders und trägt beide Elemente in sich. Es geht auch nicht um das Ansammeln möglichst vieler Beziehungen, sondern um eine spielerische Leichtigkeit, im sonst unerträglichen Ernst des Seins. In diesem Sinne: Willkommen in Mono-Poly-Beziehungen!

Dieser Artikel erschien erstmals im Magazin MONETA, Ausgabe Nr. 4/2011. MONETA ist das Magazin der Alternativen Bank Schweiz

Literaturhinweise:

Ein wichtiges Standardwerk für Interessierte ist: «Eine Schlampe mit Verantwortung». Original: «The Ethical Slut. A Practical Guide to Polyamory, Open Relationships & Other Adventures». Berkeley California 2009. Dieses Buch wird auch als «Poly-Bibel» bezeichnet.

Lebenspraktische Hinweise finden sich in: «Ein Frühstück zu Dritt. Leben und lieben in Mehrfachbeziehungen», Hrsg. Von Erhard Söhner und Bärbel Schlender, Wien München 2006.

Peter Schellenbaum: «Das Nein in der Liebe. Abgrenzung und Hingabe in der erotischen Beziehung», Stuttgart 1986.

Adam Phillips: «Monogamie… aber drei sind ein Paar». London 1996.

Holger Lendt, Lisa Fischbach: Treue ist auch keine Lösung. Ein Plädoyer für mehr Freiheit in der Liebe, München 2011.

Thomas Schroedter, Christina Vetter: Polyamory. Eine Erinnerung, Stuttgart 2010.