271739_web_R_B_by_sassi_pixelio.de_ Psychologie

Das Modell der psychogenetischen Felder


Foto: sassi / pixelio.de

Ein integrales Entwicklungsmodell auf der Basis menschlicher Erfahrungswelten

 

Das Symbolsystem des Tarots genießt, im Gegensatz etwa zum altchinesischen Yijing, kaum die Aufmerksamkeit wissenschaftlicher Untersuchungen. Der Grund könnte darin liegen, dass er im 19. Jahrhundert von den okkulten Strömungen und seit den 1960er Jahren von der New-Age-Bewegung vereinnahmt wurde. Aus Furcht um seine Reputation findet kaum ein Wissenschaftler den Mut, ihn zu seinem Untersuchungsgegenstand zu machen. Ein bedauernswertes Versäumnis, wie sich nun herausstellte.

Als Ergebnis einer umfangreichen Untersuchung, aus der das Buch „Tarot und die Kunst der Selbsterkenntnis“ hervorging, zeigte sich, dass es möglich ist, aus den Großen Arkana des Tarot ein umfassendes Entwicklungsmodell des Menschen abzuleiten; ein Entwicklungsmodell, das nicht kognitive Basisstrukturen, sondern für alle Menschen gültige psychogenetische Erfahrungsfelder als zentrale Entwicklungseinheiten beinhaltet. Folgende Tabelle zeigt zusammenfassend, wie sich das aus dem Tarot extrahierte Modell der psychogenetischen Felder zu anderen integralen Entwicklungsmodellen verhält:

Zur Herkunft des Modells der psychogenetischen Felder (pgF)

Die Ursprünge des Tarots liegen im Dunkeln, die ersten überlieferten Karten allerdings stammen aus der italienischen Renaissance. Diese Epoche gilt als Geburtsstunde des abendländischen Individualismus: „…Es erwacht eine objektive Betrachtung und Behandlung des Staates und der sämtlichen Dinge dieser Welt überhaupt; daneben aber erhebt sich mit voller Macht das Subjektive; der Mensch wird geistiges Individuum und erkennt sich als solches.“1 Es entstand ein Gespür für die Entwicklungspotentiale des Menschen und das Bedürfnis, diese bis zur Existenz eines „uomo universale“2 oder „uomo unico“ auszureizen. Der Tarot wird in dieser Zeit populär, manche Fürsten lassen sich von namhaften Künstlern wertvolle Kartensets anfertigen. Es bietet sich also an, eine Untersuchung des Tarots, vor allem der Großen Arkana, die die herausragende Besonderheit des Tarots bilden, mit dieser Überlegung zu beginnen. Kulturelle Artefakte spiegeln auf eine projektive Art wider, was an implizitem Interesse der Kultur eigen ist. So darf vermutet werden, dass die Großen Arkana dem Tarot allgemeine Entwicklungsmöglichkeiten des Menschen darstellen. Diese Darstellung ist im Falle des Tarots bildhaft und metaphorisch – eine verallgemeinernde Entwicklungspsychologie gab es zu dieser Zeit noch nicht. Doch allgemein-menschliche Entwicklungsstufen dürften der Menschheit schon immer zumindest intuitiv bekannt gewesen sein. Jede Mutter weiß um das Bedürfnis des Kleinkindes nach emotionaler Zuwendung und auch um das etwas später einsetzende Bedürfnis, die Welt und sich selbst auf autonome Weise zu erfahren (etwa indem es nun selbst isst, sich selbst ankleidet, die Umgebung spielerisch erkundet usw.). Diese Entwicklungsthemen können automatisch durch die Eltern und später im Erwachsenenleben von der Gesellschaft beantwortet werden – oder, falls ein besonderes Interesse an der Tatsache der Entwicklung entsteht, auch zum Gegenstand kultureller Veräußerung werden. Die Entwicklungsmöglichkeiten des Individuums schienen in der Renaissance noch auf eine eher mythische Weise behandelt worden zu sein. Sigmund Freud, 450 Jahre später, war der erste, der zumindest die kindlichen Entwicklungsstufen auf rationale Weise beschrieb. Spätere (rationale) Entwicklungsmodelle umfassten immer mehr Entwicklungslinien (etwa die kognitive, moralische oder psychosoziale Linie) und drangen in immer komplexere Bewusstseinsebenen vor. Die transpersonale Psychologie konnte das Entwicklungsmodell des Menschen um Bewusstseinsebenen ergänzen, die nach der Transzendenz des Persönlichen aktuell werden und die integrale Entwicklungspsychologie vermochte es, kindliche und egoische Entwicklung mit transpersonaler Entwicklung zu einem einheitlichen Modell zu verschmelzen. Dieses „integrale“ Vorgehen ist  intentional3: es sammelt valide Entwicklungsmodelle und setzt sie in Beziehung zueinander. Das Bekanntwerden östlicher, vor allem yogischer und buddhistischer, transpersonaler Beschreibungen ermöglichte es, auch die transpersonalen Entwicklungsstufen in dem integralen Modell weiter auszudifferenzieren.

Die Großen Arkana hingegen sind kein Produkt rationaler wissenschaftlicher Methodik, sondern vermutlich eine projektive Veräußerung eines intuitiven Entwicklungswissens mit den Darstellungsformen des mythischen Bewusstseins. Ein unbestreitbarer Vorteil mythischer (und auch magischer) Erklärungsmodelle liegt darin, dass sie unmittelbar auf das implizite Wissen des Menschen über einen Sachverhalt zurückgreifen und zwar ohne die filternden Theorien des Rationalen. Zwar bleiben diese Sachverhalte insofern unbewusst, als sie nicht in Bezug zum eigenen Sein gesetzt werden (z.B.: ‚Die Götter sind objektive externe Wesen, und wenn sie etwas Schlechtes tun, dann sind sie es, die das tun, und nicht ich.‘), aber genau deswegen bieten sie oft einen recht offenen und vom Selbstwertgefühl unzensierten Blick in die Struktur der menschlichen Seele. Wie das Pantheon der griechischen Götter einen sehr umfassenden Einblick in die vielen Facetten der altgriechischen Persönlichkeit boten, so können entsprechend die Großen Arkana einen ebensolchen Einblick in die Entwicklungsmöglichkeiten des Menschen bereitstellen.4

Die einzelnen pgFelder entsprechen in ihren Bezifferungen exakt den Karten der Großen Arkana des Tarot. Durch einen Vergleich mit den Modellen der integralen Psychologie und anderer (klassischer) Entwicklungstheorien (z.B. Freud, Kohlberg, Piaget, Erikson, moderne Säuglingsforschung, transpersonale Psychologie, komplexe Psychologie Jungscher Prägung u.a.) konnte gezeigt werden, dass die Karten sich mit den Entwicklungsmodellen fast vollständig decken. Das projektiv veräußerte Wissen der Tarotentwickler schien sich also auf die Entwicklungs- und Entfaltungsprozesse des Menschen zu beziehen. Die italienische Renaissance gilt allgemein als Geburtsstunde des abendländischen humanistischen Individualismus, was die Interpretation der Großen Arkana als Entwicklungsthemen des einzelnen Menschen erhärten mag.

Einzig der Bereich zwischen den hochkomplexen kognitiven Entwicklungsstrukturen und dem Erwachen des transpersonalen Bewussteins bietet zusätzliche Erfahrungsfelder oder Entwicklungsaufgaben. Ein Blick auf diese zeigt, dass das Ich, das nun zu grandioser Entfaltung gelangt ist, nicht einfach vom postformalen Denkvermögen in ein transpersonales Bewusstsein hinüberspringt, sondern dass es dazu bestimmter Erfahrungen und Einsichten bedarf, die einen transegoischen Weg überhaupt erst anstrebenswert werden lassen. Diese pgFelder beinhalten dementsprechend Themen der egoischen Dekonstruktionen und Korrekturen, ob nun freiwillig oder unfreiwillig. Erst nach dem Bewältigen dieser ist (zumindest dem Abendländer) ein bewusstes Etablieren der transpersonalen Strukturen möglich. Nach dem Einsturz der allgemeinen welt- und selbstreferentiellen kognitiven Architekturen (XVI-der Turm, früher: Das Haus Gottes) ist die nachfolgende Reihenfolge der Großen Arkana mit den transpersonalen Stufen der integralen Psychologie, des Vedanta und des integralen Yoga wieder identisch: Stern (psychisch) – Mond (Die dunkle Nacht) – Sonne (subtil) – Äon (kausal) – Universum (nondual).

Für das aus den Großen Arkana extrahierte Entwicklungsmodell habe ich den Begriff des Modells der psychogenetische Felder (pgFelder, pgF) vorgeschlagen. Der Feld-Begriff soll auf eine nicht-gegenständliche Kraft hindeuten, die das Werden der menschlichen Psyche (PsychoGenese) in eine archetypische Ordnung zwingt.

Das pgF-Modell umfasst mit seinen psychogenetischen Feldern die artspezifischen Erfahrung

 

swelten, in denen sich durch die Auseinandersetzung mit den entsprechenden Entwicklungsaufgaben bestimmte Bewusstseinsstrukturen ausbilden können. Ein psychogenetisches Feld umspannt alle Quadranten des AQAL-Ordnungssystems:

Abb.: Das pgF III (Angenommenwerden, Mütterlichkeit, Zuwendung etc.; Tarotkarte III-Kaiserin) und die vier Quadranten.

Ein pgFeld, hier am Beispiel des pgF III-Kaiserin (Angenommenwerden, orale Phase, Genährt werden, Wachsen dürfen), umfasst alle vier Quadranten. Somit beschreibt es sowohl eine Entwicklungsstufe, eine in ihr entstehende Bewusstseinsstruktur und andere Fähigkeitsbereiche, deren beobachtbares Verhalten (obere Quadranten), als auch kollektive Materialisierungen dieser Themen, und Theorien, die diese kollektiven Phänomene aus der Außenperspektive beschreiben (untere Quadranten).

Es ist bemerkenswert, dass die Großen Arkana nicht nur die Themen der klassischen Entwicklungspsychologie beschreiben, sondern darüber hinaus auch die Stufen transpersonaler Entwicklung. Vielleicht sollte man die abendländischen kulturellen Hervorbringungen nun in einem anderen Licht sehen.

„Der Tarot transportiert Elemente der Geschichte des Abendlandes und rührt damit an unserer okzidentalen Kollektivseele, ruft wach, was uns als Abendländern im Blut liegt. Ihn dem spekulativen Markt der Esoterik zu überlassen, wäre ein bedauernswertes Versäumnis. Unsere tatsächliche Stärke liegt im Annehmen dessen, was wir sind – nicht im Leugnen dessen, was wir nicht mehr sein wollen.“5

 

Eine gesunde integrierte Persönlichkeit zeichnet sich dadurch aus, dass sie die inneren Holons ihrer Entwicklung im aktuellen Holon zu einer Einheit zu verschmelzen vermag. Zu diesen inneren Holons gehört auch der kulturell-historische Boden, in dem wir wurzeln, und in diesem dürfen noch eine Menge unerkannter Schätze vermutet werden, deren Entdeckung uns bereichern wird.

 

 

Die psychogenetischen Felder (pgF) im Einzelnen

Präpersonal:

pgF 0 – Das Erfahrungsfeld aller Determinanten aus unserem Ursprung: genetische und innate Veranlagungen von Bios und Noos, körperliche Konstitution, Familienmerkmale etc. Beginnt mit der Zeugung.
Kartensymbol: ‚Der Narr‘, ein Narr.

pgF Ia – Das Erfahrungsfeld dessen, der aktiv ist, „macht“ (indogerm. magh-: Wortstamm für machen, Maschine, Mechanik, Magie, engl. to make), eigene Wirksamkeit erfährt, Manipulationen durchführen kann. Beginnt mit den ersten Aktivitäten: atmen, schreien, saugen, schlucken etc.
Kartensymbol: ‚Der Magier‘, ein nackter, spielerisch anmutender Mann, der mit den Vier Symbolen für die alchemistischen Elemente jongliert.6

pgF II – Das Erfahrungsfeld der großen, geheimnisvollen, unbekannten Welt mit all ihren Wirkungen auf den Erfahrenden. Beginnt mit der ersten Wahrnehmung der unbekannten Welt, in die man geboren wurde. Kartensymbol: ‚Die Hohepriesterin‘, ursprünglich: ‚Die Päpstin‘, eine nur schemenhaft erkennbare, machtvoll wirkende Frau, die ein feines Netz über den Wahrnehmenden ausbreitet.

Personal:

pgF III – Die Erfahrungen der emotionalen Zuwendung, des Angenommenseins, der leistungsunabhängigen Zuwendung und Liebe, des Versorgt- und Genährtwerdens, des Wachsendürfens. Themen der Freudschen Oralität.
Kartensymbol: ‚Die Kaiserin‘, als Metapher für die weltliche Wirkmacht der Weiblichkeit.

pgF IV – Die Erfahrungen der Kontrolle und der Ordnung über sich selbst und andere, bzw. des Beherrschtwerdens durch andere. Beginnt mit den ersten autonomen Handlungen und territorialen Erkundungen, wenn das Kind laufen kann und mit den erste Erfahrungen eigener Kontrolle und Beherrschung über sich (Sauberkeitserziehung). Themen der Freudschen analen und ödipalen Phase.
Kartensymbol: ‚Der Kaiser‘, als Metapher für die weltliche Wirkmacht des Männlichen.

pgF V – Das Erfahrungsfeld der Welterklärungen. Beginnt mit den ersten Einweisungen des Kindes in die kollektive Welt-Konstruktion. Erste Kernzeit während der Beschulung. Eigenschaften des Kindes in dieser Zeit: konop, mythisches/rationales Bewusstsein, tricksterhafte Eigenschaften (Neugierde, Hemmungslosigkeit, Erkundungsdrang, Besserwisserei, Kreativität: Tom Sawyer/Pippi Langstrumpf). Themen der Freudschen Latenzphase.
Kartensymbol: ‚Der Hohepriester‘, ursprünglich: ‚Der Papst‘, ein thronender maskierter Priester als Metapher für die geistige Macht.

pgF VI – Das Erfahrungsfeld der Peers (der Gleichen, Gleichaltrigen, Ebenbürtigen), des Sich Erlebens als Gleicher unter Gleichen, mit entsprechenden Erfahrungen von Ressourcen und Konflikten. Die geschlechtliche Liebe. Beginnt mit der Pubertät/Geschlechtsreife. Themen der Freudschen genitalen Phase.
Kartensymbol: ‚Die Liebenden‘, ursprünglich: ‚Die Brüder‘, zwei sich gegenüberstehende Liebende oder Brüder, Metaphern für Liebe oder Ebenbürtigkeit/Gleichrangigkeit.

pgF VII – Das Erfahrungsfeld der Aufbrüche in eine unbekannte Zukunft. Beginnt mit dem ersten Aufbruch aus dem Elternhaus. Kennzeichen: funktionale Überbewertung des Egos, Idealvorstellungen von der Zukunft.
Kartensymbol: ‚Der Wagen‘, ein Jüngling in einem grandiosen Wagen, der von vier unterschiedlichen, geheimnisvollen Fabeltieren gezogen wird.

pgF VIII – Das Erfahrungsfeld der notwendigen Anpassungen an die Strukturen der Gesellschaft und Mitwelt. Beginnt mit den ersten Erfahrungen als eigenverantwortlicher junger Erwachsener. Minimale kognitive Voraussetzungen: konkret-operationales Denken (Piaget), Regeln/Rollen-Identifikationen.
Kartensymbol: ‚Die Ausgleichung‘, ursprünglich: ‚Die Gerechtigkeit‘, die Göttin Justitia mit verbundenen Augen, Schwert und Waage.

pgF IX – Das Erfahrungsfeld der eigenen Individualität jenseits von Regeln und Rollen. Beginnt oft mit romantischer Innenschau, über psychologisierende Nabelschau bis hin zum Finden der eigenen Identität. Themen der Identitätsfindung und der Selbsterkenntnis (E. Erikson). Kognitive Voraussetzung: formal-operationales Denken, fähig zur Abstraktion (Piaget).
Kartensymbol: ‚Der Eremit‘, ein einzelner Mann mit einer Laterne.

pgF X – Das Erfahrungsfeld systemischer Zusammenhänge. Dem Erkennen des Eigenanteils an Verursachung der Ereignisse wird die Erkenntnis des Wirkens größerer multikausaler Zusammenhänge hinzugefügt. Kognitive Voraussetzung: systemisches, polyvalentes, integrales Denken.
Kartensymbol: ‚Das Rad des Glücks‘, auch ‚Das Rad des Schicksals‘, das sich drehende Rad des Schicksal, angetrieben durch mythische Wesen, oben thronend eine Sphinx, als Metapher für die Rätselhaftigkeit der Ereignisse.

pgF des Übergangs vom Personalen zum Transpersonalen: egoische Dekonstruktionen und Korrekturen:

pgF XI – Das Erfahren der Einheit von Bios und Noos in der eigenen Person. Psychosomatische Zusammenhänge werden erfahren, verstanden, gelebt und praktisch angewendet. Zentaurisches Bewusstsein (Maslow, Wilber).
Kartensymbol: ‚Die Lust‘, ursprünglich: ‚Die Kraft‘,  eine auf einem vielköpfigen Tier reitende nackte Frau, den Eindruck eines Zentauren vermittelnd.

pgF XII – Das Erfahrungsfeld der Dysfunktionalität des eigenen Selbst- und Weltentwurfs, des Egos. Erfahrungen des Scheiterns und Nicht-weiter-kommens als Voraussetzung für die Hinterfragung der eigenen Person. Oft die Motivation für die Suche nach einem transpersonalen Weg oder zum C.G. Jungschen Individuationsprozess.
Kartensymbol: ‚Der Gehenkte‘, ein an einem Fuß aufgehängter Mann, festgenagelt an einem feinen Raster, demselben, das die Hohepriesterin (pgF II) auswarf.

pgF XIII – Das Erfahrungsfeld der Konfrontation mit der Vergänglichkeit, dem Tod. Möglich als Lösung für das Dilemma aus pgF XII: Das alte dysfunktionale Ego „sterben lassen“, ihm seine übermäßige Bedeutung nehmen. Auch möglich als Einsicht in die Bedeutungslosigkeit des Egos, da es als vergänglich, flüchtig und damit als letztlich substanzlos erkannt wurde.
Kartensymbol: ‚Der Tod‘, der tanzende Tod, der die Spinnweben der Welt zerreißt, in denen Neues entsteht.

pgF XIV – Das Erfahrungsfeld des Bemühens um eine zum alten Ego alternative Existenz: als „Zeuge“ in der Meditation, der des Egos gewahr werden und dieses demnach nicht gleichzeitig sein kann; alchemistische Bemühungen um eine „Unsterblichkeit“ oder um das Finden der unsterblichen Essenz unseres Seins. Dementsprechend umfasst dieses pgF das ernste Anwenden von Transformationstechniken und das Bemühen um eine Synthese des Selbst.
Kartensymbol: ‚Die Kunst‘7, eine Figur, halb Mann, halb Frau, vor einem alchemistischen Kessel, angedeutet die aufsteigende Kundalini-Energie.

pgF XV – Das Erfahrungsfeld des bisher Verdrängten, des Un-Erhörten, des Schatten-Archetypus (C.G. Jung). Sowohl das Konfrontiertwerden mit dessen Wirkungen als auch die kontrollierte Schattenarbeit zur Integration der Schattenaspekte in das Gesamtselbst.
Kartensymbol: ‚Der Teufel‘, die Figur des Teufels als Personifizierung alles Unerwünschten und Tabuisierten.

pgF XVI – Das Erfahrungsfeld des Zusammenbrechens von Illusionen über sich selbst und die Welt. Die bisherige Annahme einer eigenen individuellen Person (Ich) entpuppt sich als psychische Konstruktionsleistung, die Welt als dessen psychische Projektion und damit als illusionär.
Kartensymbol: ‚Der Turm‘, ein Turm als Metapher für kognitive Architekturen zerbirst durch den Blitzstrahl der Erkenntnis aus dem „dritten Auge“ (Ajna, das Chakra des Erkennens).

Transpersonal:

pgF XVII – Das Erfahrungen einer psychischen oder seelischen Essenz, die von der bisher wahrgenommenen Personalität unabhängig ist, diese umfasst und aus dem Hintergrund wirkt (Sri Aurobindo).
Kartensymbol: ‚Der Stern‘, als Quelle von Licht und Energie, allerdings in der unendlichen Ferne aus Dunkelheit.

pgF XVIII – Das Erfahrungsfeld der „Dunklen Nacht“ der Seele (Johannes vom Kreuz), der Schwierigkeiten auf dem Weg des Yoga (Aurobindo), der mystischen Vereinigung (Teresa von Avila).
Kartensymbol: ‚Der Mond‘ als passiv Licht aussendender Himmelskörper, der die Welt in fahles Licht taucht. Möglichkeiten der Verirrung.

pgF XIX – Das Erfahrungsfeld der ‚subtilen‘ Bewusstseinsstruktur, in der die Materialität der Phänomene zugunsten des feinstofflichen, energetischen oder archetypischen Gewahrseins aufgegeben wurde.
Kartensymbol: ‚Die Sonne‘ als naher und alles erhellender und aus sich selbst leuchtender Stern.

pgF XX – Das Erfahrungsfeld der ‚kausalen‘ Bewusstseinsstruktur (Vedanta, Wilber) oder des ‚Supramentals‘ (Aurobindo). Nicht mehr Vereinigung von Göttlichem und Seele, sondern deren Einheit wird bewusst. Das Sich Öffnen für das Supramental, das immer und stets, auch im Vitalen, Physischen und Mentalen, unerkannt wirkt.
Kartensymbol: ‚Das Äon‘ als Weltzeitalter; das ‚Jüngste Gericht‘ als letztgültige kausale Wirkmacht.

pgF XXI – Das Erfahrungsfeld des nondualen Bewusstseins, der letzten Vollendungen (oder der entsprechenden Wirkungen unvollständiger Vollendungen: vgl. Bardo Thödol). Es gibt kein Innen, aus dem man schaut, und kein Außen, dass man wahrnehmen könnte, der ganze Kosmos ist der Zeuge. Alle Dinge im Universum sind Leere, ungeboren, schon immer und damit von Beginn an selbstbefreit.
Kartensymbol: ‚Das Universum‘ mit einer darin schwebenden nackten Frau.

  1. Jacob Burckhardt: Die Kultur der Renaissance in Italien. In: Das Geschichtswerk, Bd. I, Frankfurt/M.: 2001-Verlag, S. 441.
  2. Universaler Mensch
  3. Im Gegensatz zu einer unbewusst-projektiven Veräußerung innerpsychischer Sachverhalte in Form mythischer Bilder, wie es vermutlich beim Tarot der Fall ist.
  4. Die Persönlichkeitspsychologie z.B. beschäftigt sich mit den unterschiedlichen Eigenschaften des Menschen, während die Entwicklungspsychologie dessen Veränderungen über die Lebensspanne beschreibt. Man könnte etwas salopp sagen, die Persönlichkeitspsychologie habe das Sein und die Entwicklungspsychologie das Werden des Menschen zum Gegenstand. So galt das Interesse der Griechen eher dem Sein und das der italienischen Renaissance dem Werden.
  5. Matthias Thiele: Tarot und die Kunst der Selbsterkenntnis. Phänomen-Verlag, 2012.
  6. Die vier Elemente der abendländischen Alchemie lassen Parallelen zu den indischen Konzepten von Koshas und Skandhas zu. Vgl. hierzu: Matthias Thiele: Tarot und die Kunst der Selbsterkenntnis. Hamburg: Phänomen, 2012. 
  7. Als Übersetzung des lat. Ars, die Kunst. So nannten die Alchemisten ihr Tun.